Mittwoch:
Als wir uns am Mittwochmorgen am Zürich Hauptbahnhof trafen,
erhielt unser Reisemobil bereits Unmengen von Sympathiepunkte. Schon
beim ersten Betrachten versprach es mit den 4 Gängen und einem
extrem schwachen Motor (maximal 120kmh bergab, maximal 80kmh bergauf
- im 3ten Gang) abenteuerliche Fahrten. Unsere erste Strecke war aber
nur sehr kurz. In Stans/Luzern trafen wir spontan auf Andy Walter
und fuhren gemeinsam eine lockere Session auf seinem Spot. Dann lag
die erste grosse Route vor uns: über Milano bis nach Genua, wo
wir bis nach Monaco der Küste entlang cruisten. Schöne Landschaften,
pumpender Hiphop aus den kaputten Boxen und kleine Probleme mit unserem
Gefährt prägten die Fahrt. Vor unserem Ziel kam es zu einem
heftigen Kampf zwischen starkem Seitenwind und Mister Oulioulzn als
Steuermann des Büsslis. Oli meisterte die Herausforderung glanzvoll,
das Büssli jedoch gab fast den Geist auf. Kurz danach merkten
wir auch noch, dass sein Motor furztrocken war. Richtig spannend wurde
es aber erst, als der Tachozeiger auf einer Autobahn ohne Pannenstreifen
immer mehr in Richtung 0 zuckte… Doch Geduld, Optimismus und
frisches Motorenöl retteten uns. Kurz den Schweiss von der Stirn
gewischt und schon spürten wir wieder den Asphalt unter den Rädern.
Im luxuriösen Monaco angekommen, entdeckten wir einen scheinbar
perfekten Spot und fuhren dort eine erste Nightsession – bis
die Gabel von Däbzn brach… Naja, der Platz hielt eh nicht,
wonach er aussah… Und so entschieden wir uns, die Reichtümer
von Monaco zu besichtigen, sprich Casino, Jachten und Autos…
blingbling… RollsRoyce, Ferrari, Porsche und Lamborghini wohin
das Auge reicht. Und die Jachten erst… muss man gesehen haben.
So viel Reichtum auf einmal macht arme Kinderfahrradfahrer natürlich
müde und so parkten wir wenig später direkt neben einer
Hauptstrasse, um dort im Inneren des Büsslis zu übernachten.
Good Night…

Donnerstag:
Nach einer unruhigen Nacht (wir waren ja auch direkt an einer Hauptstrasse)
merkten wir erst am nächsten Morgen, was für eine Aussicht
wir von unserem Schlafplatz hatten. Bevor wir aber überhaupt
richtig wach waren, fuhren wir weiter in Richtung Nizza. Die Nachtruhe
hatte dem Büssli gut getan und so fuhr es vergnügt und ohne
Probleme über die Strassen. In Nizza angekommen erfreuten wir
uns zuerst eines dicken petit déjeuners. Danach verpassten
wir Däbzns Baby eine neue Gabel während Oli zeigte, was
wahres Radgefühl ist. Er rollte auf Däbzns losem 20-Zoll-Rad
mit Pegs und drehte dabei 2 G-Turns! Hesch gsee dr Olllli… Und
dann gings zur ersten fetten Session dieses Trips. Direkt vor der
wunderschönen Kulisse des Meeres auf der breiten Strandpromenade
rollten wir – vor allem Mister Däbzn Schtil. Dies war seine
Session und er pushte unter anderem einen fetten Crackpacker-G-Turn.
Stylisch! Gerade als wir zu unserem Büssli zurückwollten,
setzte der Regen ein. War uns aber egal, da wir schon wieder auf dem
Weg nach Cannes waren. Leider durchquerten wir dieselbe Stadt nur
kurz und konnten keine Spots checken. Unser nächstes Ziel hiess
St. Raphael. Als die Gegend verlassener wurde und das Gefälle
der Strasse langsam anstieg, gönnten wir dem Büssli und
uns selbst eine Verschnaufpause. Wir waren nun mitten in der Provence,
die Felsen waren feuerrot und der Himmel stahlblau – perfekt
um einige Fotos zu machen. Nach einer verspielten Klettertour jagte
Mister Däbzn Schtil unser Büssli gnadenlos den Berg hinauf-
und hinunter. Er kannte kein Pardon, auch wenn das Büssli vor
Erschöpfung stöhnte und mir sich auf dem Rücksitz fast
der Magen umdrehte. Viele Kurven später parkten wir schliesslich
in St. Raphael. Hier war kein Mensch auf der Strasse zu sehen. Von
sämtlichen Bars und Restaurants, welche im Sommer wahrscheinlich
übervoll sind, war nur ein Bruchteil geöffnet. Diese Tatsache
störte uns aber nicht im Geringsten. Wir kauften uns eine gute
Lektüre (Cream) und wärmten uns in einer extrem gemütlichen
Bar auf. Hier wurde gefachsimpelt, gechillt und natürlich auch
ein bisschen getrunken. Und wir hatten Zeit im Übermass! Schöne
Sache! Ein-zwei Stunden später ging’s von diesem Ort des
Friedens wieder hinaus auf die leeren Strassen, wo wir nach langem
Verhandeln mit zwei nicht-systemkonformen Menschen aus der kriminellen
Szenen schliesslich zwei lustige kleine braune Platten «erhaschten».
Jetzt mussten wir nur noch einen Platz zum schlafen finden. Zum Glück
kannte sich Oli in der Gegend aus uns lotste uns an eine kleine Hafenbucht
ausserhalb von St. Raphael. Dort richteten wir unser Schlaflager ein
und nach einem kleinen kräuterartigen «Guätnachtmümpfeli»
schwebten wir unseren Träumen entgegen.

Freitag:
Der Freitag-Morgen war schön, richtig schön. Die Sonne weckte
uns und wieder sahen wir, wie idyllisch unsere Umgebung war. Ein kleiner
Fischerhafen (le Port de Poussai) und «l’Ile d’or»
(die Goldinsel) lagen direkt vor unserem Parkplatz. Den Morgenhunger
stillten wir in einer Zmörgeli-Börgeli-Bar und nach einer
Partie Billard kehrten wir nochmals an den Port de Poussai zurück.
Dort führte uns Oli, der sich hier besser auskannte als ich in
meiner linken Hosentasche, durch einen dichten Wald zu wunderschönen
Klippen direkt am Meer. Wieder erklimmten wir die Felsen bis wir ganz
oben die fantastische Aussicht auf das Meer geniessen konnten. Hammermässig!
Auf dem Rückweg zu unserem treuen Büssli begann es von neuem
zu regnen. So konnten wir den vorher entdeckten Hart-Tennisplatz nicht
mehr checken, schade… Mit dem Ziel St. Tropez vor den Augen
drehten wir den Schlüssel im Zündschloss des Büsslis
und nach einigen Versuchen bewegten wir es wieder on the road. Und
es regnete und es regnete und… Nach einer feucht-fröhlichen
Fahrt kamen wir schliesslich in St. Tropez an und machten uns auf
die Suche nach einem Parkplatz. Diese sind dort aber nur für
Autos bis 1.70 Meter Höhe gebaut, es sei denn man parkt auf dem
Busparkplatz und zahlt 7 Euro pro Stunde… Leider gehören
wir aber nicht zum Porsche-Club St. Tropez, welcher hin- und wieder
an uns vorbeiraste und so parkten wir auf einem riesigen Supermarkt-Parking
ausserhalb von St. Tropez. Der Eingangsbereich des Supermarkts war
überdacht und belichtet, der Boden war auch nicht schlecht…doch
dazu später mehr.

Der Regen liess langsam aber sicher
nach und wir machten uns auf die Suche nach einem Campingplatz und
einer Duschmöglichkeit. Gesagt, getan, und wir fanden den Übervater
aller Campingplätze. 6’000 Wohnmobile können sich
dort verteilen. Bei unserer Ankunft waren aber nur etwa 200 am Start.
So konnten wir uns einen gemütlichen Platz für unser Büssli
aussuchen. Wieder waren wir direkt am Meer und weil uns jetzt eine
warme Dusche bevorstand, gaben wir dem Drang, noch schnell ins Meer
zu hüpfen, nach. Und ja, es war etwa sooo kalt. Nach einer laaangen
Aufwärm-Dusche und einem Kampf gegen den «Chappächäs»
waren wir wieder richtig fresh unterwegs und genossen im Camping-Restaurant
ein fettes Nachtessen. Nach dem Essen wollten wir unbedingt flatlandfahren,
doch es war überall nass. Hm, da war doch ein Supermarkt-Eingangbereich…
Keine Frage, ab geht’s… Bevor wir aber die Fläche
einnehmen konnten, mussten wir noch warten, bis der Laden dichtmachte.
Und dann, endlich, wurden die Türen geschlossen und der Platz
leer. Es war bereits 22Uhr als wir die ersten Runs über die Fläche
rockten. Dies war unsere Zeit. Gemeinsam fuhren wir eine Hammersession
im Untergrund-Style deluxe. Oli wütete G-Turn-Stuff auf die Fläche,
welche stiltechnisch kaum überboten werden können. Stefan
hatte etwas mit dem Belag zu kämpfen, trotzdem rollte er minutenlange
Runs. Und ich erfreute mich am schnellen Boden, welcher perfekt für
schnelle Spins war… Auch Polizei und Security hatten ihre Freude
an unseren kleinen Kunsträdern und hatten nichts gegen unsere
Präsenz einzuwenden. Wieso kann die Polizei nicht auch in der
Schweiz so tolerant sein… Nach drei Stunden Hardcore-Riding
mussten wir zum Camping zurück, da dort die Tore schlossen. Am
Strand noch gemütlich ein Räucherstäbchen angezündet
und dann lagen wir auch schon in unserem treuen Weggefährten
und packten uns in die Schlafsäcke…

Samstag:
Wie immer fing der Morgen wunderschön an. Heute war der Himmel
wirklich stahlblau und wir konnten die Sonne bereits beim Frühstück
in vollen Zügen geniessen. Da wir um 16.00Uhr den Campingplatz
verlassen mussten, checkten wir noch die Harttennisplätze auf
dem Camping-eigenen Multi-Sport-Terrain. Der Platz war nicht schlecht
und so rollten wir eine letzte Session im Sonnenschein. Oulioulzn
pushte mittlerweile seine Backpacker-G-Turns in beide Richtungen richtig
fett und wütete unaufhaltsam alles in Grund in Boden (han ä
vollä Schaadä, wiät alläs aabä). Nach ein
paar Stunden rollen, spinnen und switchen verschloss Petrus die Himmelspforten
und drohte mit Regen. Grund genug für uns, noch einmal dem Genuss
einer frischen Dusche zu frönen und uns langsam aber sicher auf
unseren Heimweg zu machen. Also alles reisetüchtig zusammengepackt,
dem Büssli noch etwas Öl gegeben und schon cruisten wir
weg vom Meer ins Landesinnere. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch
nicht, welche Abenteuer uns noch erwarteten… Wir wählten
die «Route de Napoléon», welche sich von der Côte
d’Azur bis nach Grenoble zieht. Doch was auf der Landkarte wie
eine schöne dreispurige Autostrasse aussah, entpuppte sich als
winzige, äusserst kurvenreiche Raserstrecke, welche hoch über
unzivilisiertes Gebirge führte. Ein Traum für jedes Auto
mit genügend Leistung unter der Haube. Da wir ja mit unserem
70PS starken, fast zwei Tonnen schweren und Öl verlierenden Büssli
unterwegs waren, mussten wir gehörig das Gaspedal drücken,
damit wir vorwärts kamen. Aber wir hatten ja genügend Zeit
und nahmen uns diese auch. Gemütlich tuckerten wir über
das Gebirge und bewunderten die wilde Landschaft. Gegenverkehr hatten
wir bis auf eine riesige Schafsherde praktisch keinen. Das Büssli
wurde zwischendurch immer wieder mit viel Öl versorgt und so
fuhren wir in die Nacht hinein. Es war schon richtig dunkel, begann
von neuem zu regnen und wir waren fernab von jeglicher Zivilisation.
Der Strassebelag war extrem glitschig und wir mussten aufpassen, dass
wir nicht vom rechten Weg abkamen. Und wir waren nicht die Einzigen.
So konnten wir im letzten Moment noch anhalten, als wir einen BMW
sahen, der direkt aus der Kurve auf eine Steilwand zuschleuderte und
dort fast senkrecht hängen blieb. Sofort stiegen wir aus und
halfen dem französischen Ehepaar aus ihrem Fahrzeug. Zum Glück
waren beide unverletzt, doch aus eigener Kraft hätten sie es
kaum aus dem Auto geschafft. Nun mussten wir bei stockdunkler Nacht
und prasselndem Regen auf den Abschleppdienst warten. Nach fast zwei
Stunden war alles geregelt und wir machten wir uns um 80 Euro reicher
(die verunfallte Frau war überglücklich und dankte uns für
unsere kompetente Hilfe…) auf den Weg ins nächste Restaurant.
Nach einem dicken Nachtessen und wieder aufgewärmt cruisten wir
noch einige Kilometer und parkten kurz vor Grenoble auf einer unheimlichen
Raststätte. Es war so dunkel, dass wir bis auf zwei weisse Geisterhäuser
und eine stillgelegte Cafeteria nichts erkennen konnten. Steven King
lässt grüssen. Doch wir waren ziemlich geschafft und so
schliefen wir nach einem gemütlichen traditionellen Doobie schnell
ein.

Sonntag:
Dreimal darf man raten; ja der Morgenhimmel war wieder strahlend blau
und ja, unsere Umgebung war nicht mehr Steven-King-like, sondern wieder
malerisch ländlich. Und es war verdammt kalt heute. Bevor wir
weiterfahren konnten, mussten wir unsere gefrorenen Körper an
der Sonne auftauen. Als wir uns wieder bewegen konnten, fuhren wir
bis zum nächsten Dorf und frühstückten gemütlich.
Nun mussten wir bereits die zweite Etappe unserer Heimreise in Angriff
nehmen. Wir überquerten Berge, durchbrachen sogar die Schneefallgrenze
und schliesslich waren wir wieder mitten in der Zivilisation. Die
kurvige abenteuerliche Landstrasse wurde zur Autobahn und wir cruisten
der Schweiz entgegen. Nach einem letzten französischen Mahl passierten
wir schliesslich den Zoll. Den Katzensprung von Genève nach
Zürich war schnell geschafft und ehe wir uns versahen, standen
wir auch schon wieder vor unseren Haustüren…

Retrospektive
Faszinierend, wie schnell man sich frei fühlen kann. Für
mich persönlich ist ein solcher Road-Trip immer ein Losreissen
von der Gesellschaft, ein paar Tage völlige Freiheit und Zeit,
mit der man machen kann, was man will. Immer wieder wird mir so bewusst,
dass es die Zeit ist, welche wir manchmal vielleicht zu wenig schätzen.

Ganz klar wurde der Road-Trip auch
geprägt von unserem VW-Westfalia-Joker-Bus. Er ist mindestens
so sympatisch wie er alt ist. Ja, er trank literweise teures Öl,
doch solche Macken machen’s ja bekanntlich aus. Deshalb gibt’s
fette Props von mir an unser Büssli! Und noch fettere Props möchte
ich meinen Weggefährten Mister Däbzn Schtil und Oulioulzn
widmen! Ihr wisst was zählt: Hesch gsee di andärä;
Undrgrund-Schteil! Rrrrä, wiänä Uzzi, nää
wot nit du si…
Peace
09.11.2004
Marco Vetterli